Alte Steine

Die Lugauer Kreuzkirche zeigte im Frühjahr 2017 ein ungewohntes Bild. Damit die Fassade in neuem Glanz erstrahlen kann, musste der alte Putz entfernt werden. So war die Kirche das erste Mal seit mehr als 60 Jahren unverputzt zu sehen. Sicher war mancher überrascht über das Aussehen dieses Rohbaus.

Nur die Erweiterungsbauten der Kirche von 1883 und 1906 – Querschiff und Chor, Vorhalle und Trep-pentürme - bestehen aus Ziegelmauerwerk. Das Kirchenschiff dagegen (1842/43) wurde fast vollständig aus Bruchsteinmauerwerk errichtet. Nur für die Wölbung der Fenster (Ziegelsteine) und die Gebäude-ecken (zugehauene Steine) wurden andere Baumaterialien eingesetzt.

Alte Steine

Mauerwerk auf der Nordseite der Kirche

Das Bruchsteinmauerwerk macht den Eindruck, dass jedes verfügbare Material verbaut wurde. Größere Steine wurden ebenso verwendet wie kleine Steine bis hin zu kleinsten Bruchstücken. Und natürlich sind es - schon an der Farbe erkennbar - sehr unterschiedliche Steine. Bei Bau der Kirche musste offenbar sehr sparsam vorgegangen werden.

Als im Sommer 1843 die Kirche fast fertig war, wurde ein Turmknopf aufgesetzt. Er enthielt eine Kapsel mit einem Bericht des damaligen Gemeindepfarrers Chr.Fr.Teubert über den Bau. Der Text dieses Be-richtes ist erhalten. Pfarrer Teubert schrieb, dass die Gemeinde schon seit längerer Zeit ihre Kirche durch einen Neubau ersetzen wollte. Doch von der geschätzten Bausumme war nur ein kleiner Bruchteil vorhanden. Erst eine Geldspende des Fürsten von Schönburg-Waldenburg ermöglichte den Bau.

Den Auftrag erhielt der Zimmermeister Heinig aus Kirchberg unter Mitwirkung des Hohensteiner Mau-rermeisters Emmerich. Heinig hatte schon einige Jahre vorher das Lugauer Pfarrhaus errichtet. Im Be-richt heißt es: „Die beiden genannten Gewerken übernahmen den völligen Auf- und Ausbau der Kirche – mit Ausschluß des Orgelwerkes – um 6900 Thaler und zwar in der Art, daß ihnen die alte Kirche … frei überlassen wurde.“

Zwei Tage nach dem letzten Gottesdienst begannen am 18. Mai 1842 die Arbeiten mit dem Ausheben der Baugrube. Kurz darauf wurden die ersten Steine des Fundaments verlegt. Bereits zuvor war ein Stück der Mauer abgerissen worden, die Kirche und Friedhof umgab. Pfarrer Teubert schrieb weiter: „Ebenso wurde vom 18. Mai an die alte Kirche nach und nach abgetragen“. Der sofortige Abriss über-rascht zunächst: Der Neubau wurde nicht an der gleichen Stelle wie die alte Kirche errichtet. So hätte eigentlich die Gemeinde weiter ihre Gottesdienste in der alten Kirche feiern können, bis der Neubau fertig ist.

Wenn heute ein altes Gebäude abgerissen wird, so wird das Abrissmaterial auf eine Deponie gefahren, soweit es nicht einfach vor Ort liegen bleibt, um den Keller aufzufüllen. Das kam vor 175 Jahren nicht in Frage. Soweit es möglich war, wurde das Abrissmaterial weiter verwendet. Das galt offensichtlich auch für die Steine der alten Kirche und der teilweise eingerissenen Kirchhofmauer. Die Steine wurden für den Neubau wiederverwendet – bis zu den kleinsten Bruchstücken. Zu diesem Zweck wurde den Bauhand-werkern die alte Kirche „frei überlassen“, wie es in dem Bericht heißt. So mussten weniger neue Steine herangeholt werden und die Kosten für den Neubau waren geringer. Damit aber die Steine wieder ver-wendet werden konnten, musste sofort mit dem Abriss begonnen werden.

So stecken in der Lugauer Kreuzkirche bis heute die Steine der alten Kirche, die bereits vor fast 800 Jahren errichtet wurde. In der Kirche des 19. Jahrhunderts erstand das mittelalterliche Gotteshaus neu.


Diesen Artikel können Sie hier als PDF-Dokument herunterladen.


Zurück